Wenn alte Glaubenssätze unser Leben bestimmen

„Geh, schäm dich!“ – ein Satz, den viele von uns aus ihrer Kindheit kennen. Auch ich komme aus einer Generation, in der solche Sätze durchaus häufig verwendet wurden.

Im Praxisalltag begegnen mir immer wieder Menschen, die von tiefen Schuld- und Schamgefühlen geprägt sind. Dabei geht es nicht um Schuld im klassischen Sinn – also darum, etwas getan zu haben, das ein schlechtes Gewissen verursacht. Es geht um etwas viel Tieferliegendes:

Das Gefühl, mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich bin schuld. Ich muss etwas leisten, aushalten, reparieren oder beweisen.

Diese Gefühle können unser Verhalten im Erwachsenenalter stärker steuern, als uns bewusst ist.

Wenn Kinder Verantwortung übernehmen, die nicht ihre ist

 

Kinder haben eine besondere Perspektive auf die Welt. Sie sind abhängig von ihren Bezugspersonen und können ihre Lebenssituation nicht einfach verlassen oder kritisch hinterfragen.

Wenn Eltern sich häufig streiten, sich trennen, wenig Zeit haben, mit finanziellen Problemen kämpfen, eine Suchtproblematik besteht oder ein Kind wenig liebevolle Zuwendung und Empathie erfährt, kann es die Ursachen dafür nicht realistisch einordnen.

Ein Kind denkt nicht:

„Meine Eltern haben gerade selbst große Probleme und können deshalb emotional nicht für mich da sein.“

Es denkt eher:

„Es liegt an mir.“

Daraus können innere Überzeugungen entstehen wie:

  •  Ich bin schuld.
  • Ich muss es richten.
  • Ich muss besonders brav sein.
  • Ich darf keine Probleme machen.
  • Ich muss besser werden.
  • Ich muss mich besonders anstrengen.
  • Ich muss andere beschützen.
  • Ich darf Bedürfnisse nicht zeigen.
  • Ich bin nicht gut genug.
  • Mit mir stimmt etwas nicht.

Und genau hier beginnt die Verbindung zwischen Scham, Schuld und späterem Verhalten.

 

Ursula Adami RTT Wien

Vier Menschen, vier Lebensgeschichten – ein gemeinsamer Kern

 

Die folgenden Beispiele sind anonymisiert und vereinfacht dargestellt. Sie zeigen, wie unterschiedlich sich tief verankerte Scham- und Schuldgefühle im Erwachsenenleben ausdrücken können.

A – „Warum schaffe ich es einfach nicht?“

 

A hatte häufig das Gefühl, vom Leben betrogen worden zu sein. Nichts wollte richtig funktionieren,
vieles fühlte sich wie ein ewiger Kampf an. Dazu kamen depressive Verstimmungen.

Hinter diesem Erleben lag eine Kindheit mit unsicheren Beziehungen. A fühlte sich von den Eltern
und Geschwistern wenig gesehen und mit den eigenen Bedürfnissen kaum wahrgenommen.

Trotzdem entstand das Gefühl:

„Ich bin schuld, dass ich es nicht schaffe. Ich bin nicht gut genug. Ich bin nicht liebenswert.“

Der dahinterliegende Glaubenssatz lautete:

„Ich bin ohnmächtig, hilflos und bedeutungslos.“

Der neue innere Satz darf dagegen sein:

„Ich bin wirkungsvoll. Ich darf mich ausprobieren. Ich darf sichtbar werden. Erfolg steht mir zu.“

B – „Ich weiß, dass diese Beziehung mir nicht guttut – aber ich kann nicht gehen.“

 

B war als Kind brav, angepasst und leistungsfähig. Doch Lob und liebevolle Anerkennung blieben weitgehend aus. Gleichzeitig gab es in der Familie eine Alkoholproblematik, über die nicht gesprochen wurde. Ein Geschwisterkind wurde deutlich bevorzugt.

Im Erwachsenenleben geriet B in eine toxische Beziehung. Obwohl durchaus Bewusstsein dafür vorhanden war, dass diese Beziehung nicht guttat, schien eine Trennung unmöglich.

Der alte Glaubenssatz:

„Ich bin anständig und brav. Ich halte durch und halte aus. Dann wird irgendwann alles gut. Wenn ich aufgebe, bin ich schuld.“

Dazu kam eine oft verborgene Scham über die familiäre Situation.

Der neue Glaubenssatz:

„Ich erkenne toxisches Verhalten und weiß, dass es nichts mit meinem Wert zu tun hat. Ich darf mich aus Beziehungen lösen, die mir schaden. Ich darf mein Leben nach meinen eigenen Werten gestalten.“

C – „Warum habe ich immer noch Angst?“

C erlebte bereits in der Kindheit Aggressionen des Vaters und wurde gewissermaßen zum Blitzableiter. Schlechte schulische Leistungen verstärkten das ohnehin fragile Selbstwertgefühl.

Viele Jahre später kam es im beruflichen Umfeld zu einem sexuellen Übergriff. Obwohl dieses Ereignis lange zurücklag, tauchte bei zufälligen Begegnungen mit ehemaligen Mitarbeitenden immer wieder Angst auf.

Der alte Glaubenssatz:

„Ich bin dumm. Ich bin weniger wert als andere. Ich habe Schuld und muss mich dafür schämen.“

Doch die Verantwortung für Gewalt oder Missbrauch liegt nicht beim Opfer.

Der neue innere Satz:

„Ich erkenne klar, wer Verantwortung trägt. Ich bin nicht schuld. Ich bin in meiner Kraft. Die Bewertungen anderer bestimmen nicht meinen Wert. Ich bin gut genug und darf erfolgreich sein.“

D – „Ich kann einfach nicht aufhören zu leisten.“

D arbeitete weit über das gesunde Maß hinaus. Erste Erschöpfungssymptome waren bereits vorhanden – und trotzdem fiel es schwer, etwas zu verändern.

Die Kindheit war stark von traditionellen und religiösen Vorstellungen geprägt. Die Eltern hatten ihre berufliche Karriere zugunsten der Familie zurückgestellt. Später führte ein Jobverlust zu finanziellen Schwierigkeiten und Scham.

D entwickelte daraus die Überzeugung:

„Ich bin schuld, wenn meine Eltern nicht erfolgreich sind. Ich darf niemals ohne Geld dastehen.“

Leistung und finanzieller Erfolg wurden damit unbewusst zu einer Art Sicherheitsgarantie.

Der neue Glaubenssatz:

„Die Erfahrungen meiner Eltern sind nicht meine Erfahrungen. Ich darf mein eigenes Leben gestalten. Meine Gesundheit und meine Lebensfreude sind wichtig. Ich darf und kann Nein sagen. Ich darf aufhören, bevor es zu viel wird.“

Was haben diese Geschichten gemeinsam?

 

Auf den ersten Blick eigentlich wenig.

Eine Person fühlt sich vom Leben benachteiligt. Eine andere bleibt in einer toxischen Beziehung. Eine dritte erlebt Angst nach einem traumatischen Ereignis. Eine vierte kann trotz Erschöpfung nicht aufhören zu arbeiten.

Und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner:

Alte Überzeugungen darüber, wer ich bin, was ich darf und wofür ich verantwortlich bin.

Diese Überzeugungen entstehen häufig sehr früh. Sie werden nicht bewusst ausgewählt. Ein Kind
entscheidet nicht:

„Diesen Glaubenssatz möchte ich jetzt für die nächsten 40 Jahre behalten.“

Es entwickelt ihn, um seine Welt zu verstehen und sich innerhalb dieser Welt zurechtzufinden.

Das kann damals sinnvoll gewesen sein.

Später kann genau dieser Schutzmechanismus jedoch zum Problem werden.

Von Anpassung zu Druck und Kontrolle

 

Kinder reagieren auf schwierige Lebensbedingungen sehr unterschiedlich.

Manche werden besonders brav und angepasst. Andere leisten außergewöhnlich viel. Manche versuchen, Konflikte zu verhindern oder andere zu beschützen. Wieder andere rebellieren.

Was dabei häufig passiert: Die eigene Wahrnehmung wird angepasst.

Das Kind lernt:

„Wenn ich mich anders verhalte, wird es vielleicht besser.“

So entstehen Strategien wie Aushalten, Durchhalten, Perfektionismus, übermäßige Leistung, Kontrolle oder extreme Anpassung.

Im Erwachsenenalter laufen diese Muster oft weiter – obwohl die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.

Dann wird aus „Ich muss brav sein“ vielleicht:

„Ich darf niemanden enttäuschen.“

Aus „Ich muss es richten“ wird:

„Ich bin für alles verantwortlich.“

Und aus „Ich darf keine Probleme machen“ wird:

„Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig als die der anderen.“

Das erzeugt Druck.

Und Druck und Kontrolle sind Gegenspieler von Lebensfreude, innerer Freiheit und gesunder Leichtigkeit.

Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Schuld und Scham werden häufig miteinander verwechselt.

Schuld kann sich auf eine konkrete Handlung beziehen:

„Ich habe etwas getan, das nicht richtig war.“

Scham geht tiefer:

„Ich bin falsch.“

Und genau diese Form von Scham kann besonders belastend sein.

Denn wenn ich glaube, etwas falsch gemacht zu haben, kann ich mein Verhalten verändern.

Wenn ich aber glaube, selbst falsch zu sein, wird Veränderung wesentlich schwieriger.

Dann geht es nicht mehr um eine einzelne Handlung, sondern um das eigene Selbstbild.

Veränderung beginnt dort, wo wir hinschauen

 

Tief verankerte Glaubenssätze lassen sich nicht einfach mit einem positiven Satz „wegdenken“.

Veränderung braucht zunächst die Bereitschaft, genauer hinzuschauen:

Woher kommt diese Überzeugung?

Wem gehört diese Stimme eigentlich?

Ist das wirklich meine Realität – oder habe ich sie als Kind übernommen?

Bin ich heute noch für etwas verantwortlich, für das ich als Kind niemals verantwortlich sein konnte?

Das kann herausfordernd sein. Denn Veränderung bedeutet auch, vertraute Denk- und Verhaltensmuster loszulassen.

Und selbst wenn diese Muster schmerzhaft sind, geben sie uns oft ein Gefühl von Sicherheit, weil wir sie kennen.

Das Unbekannte kann deshalb Angst machen.

 

Wir sind nicht unsere alten Glaubenssätze

Die gute Nachricht ist:

Ein Glaubenssatz ist keine Tatsache.

Nur weil wir irgendwann gelernt haben „Ich bin nicht gut genug“, bedeutet das nicht, dass es wahr ist.

Nur weil wir gelernt haben „Ich muss alles alleine schaffen“, müssen wir es heute nicht mehr tun.

Und nur weil wir als Kind gelernt haben, Verantwortung für die Gefühle oder Probleme anderer zu übernehmen, bedeutet das nicht, dass diese Verantwortung heute noch bei uns liegt.

Der Weg aus alten Mustern beginnt mit Bewusstheit.

Mit dem Erkennen dessen, was uns bisher gesteuert hat.

Und manchmal braucht es dafür Mut, Unterstützung und einen geschützten Rahmen.

Denn eines ist für mich im Coaching immer wieder spürbar:

Im alten, schmerzhaften Denkmuster zu bleiben, ist oft vertrauter – aber nicht unbedingt freier.

Veränderung beginnt dort, wo wir uns erlauben, die eigene Geschichte neu zu betrachten.

Nicht um die Vergangenheit ungeschehen zu machen.

Sondern um ihr nicht länger die Macht über unsere Gegenwart und Zukunft zu überlassen.